Zeichnungen zu "Der Mantel" von N.Gogol - Peter Hofmann - Künstler

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Zeichnungen zu "Der Mantel" von N.Gogol

Zeichnung

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Im Gegensatz zu seinen Tuschzeichnungen zur Dante-Problematik, arbeitet Hofmann für die Illustration zu Gogols Novelle äußerst textnah. So wählt er bewusst Passagen des Textes für die Titelgebung einzelner Szenen aus. Gogol selbst lehnte zu Lebzeiten die Illustration seines Werkes, insbesondere des Romans „Toten Seelen“ ab. Mit der Begründung man könne sich Ausschweifungen solcher Art nur in dem Falle gestatten, wenn sie schon gar zu künstlerisch (Anspielung auf autonomen Rang der Kunstwerke) seien. Er schreibt weiter an seinen Verleger: Aber wo fände man ein Genie für solch eine Sache. Zudem hielt er seinen eigenen Text für zu unvollendet. Bei der Entscheidung für eine derart prominente literarische Vorlage, muss sich Peter Hofmann natürlich einerseits dem künstlerischen Vergleich, beispielsweise mit Illustrationen: Marc Chagalls, Joseph Hegenbarths und Walter Gramattés stellen. Andererseits gilt es der Gefahr einer reinen Adaption zu entgehen und gleichermaßen Perspektiven für die Lektüre zu eröffnen.
Zu Gogols Erzählung selbst: Im Mittelpunkt steht der Petersburger Büroschreiber Akakij Akakievic Baschmatschkin. Ein armer, wenig ambitionierter und äußerst beschränkter Titularrat dessen Schicksal eine Wendung nimmt als er sich nach einer langen Zeit der Entbehrung einen neuen Mantel zulegt. Die Zeit des Wartens und Sparens auf das neue Kleidungsstück wird für den sonst unbeachteten kleinen Angestellten zu einer Zeit der Erwartung. Doch seine Freude an der neuen Robe währt nicht lange, da nächtliche Räuber ihm den Mantel entreißen. Von einer „bedeutenden Persönlichkeit“, an die sich Akakij nun hilfesuchend wendet, wird er grob zurückgewiesen. Kurz darauf erkrankt er und stirbt. Nach seinem Tod erzählt man in St. Petersburg von Erscheinungen eines Gespenstes in Gestalt des verstorbenen Akakij, das Mäntel stehle. Erst als das Gespenst im Besitz des Mantels der „bedeutenden Persönlichkeit“ ist, stellt es sein Erscheinen ein.
Anhand der ästhetischen Kategorie des Grotesken soll nun die Betrachtung der Illustrationen Peter Hofmanns im Hinblick auf die literarische Vorlage Gogols gelenkt werden. Die Groteske entstand ursprünglich als Ornamentgattung der bildenden Kunst im 16. Jahrhundert. Sie kombiniert phantastische Mischwesen, menschliche Figuren und pflanzliche Formen und lässt diese in bizarren architektonischen Gerüsten agieren. Meist sind es verzerrte Tiere und Fabelwesen aus denen überall Wülste und Ranken hervorquellen können oder ineinander überfließen. Das Wesen der Groteske ist der Bruch der Realitätsebenen. Als literarisches Stilmittel übernimmt die Groteske den Charakter des Komischen und entwickelt ihn in satirischer und dämonischer Ausrichtung weiter. Der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der fremd und unheimlich gewordenen Welt, in der die Kategorien unserer Weltorientierung versagen. Das Groteske ist vielmehr ein Spannungszustand, der dadurch zustande kommt, dass die Spannungspole (Komik, Tragik, Grauen) zu einem akausalen und unlösbaren Situationsgefüge verklammert werden.
Peter Hofmann schildert gleichsam eine solche Doppelstruktur von Tragik und Komik des Haupthelden.
Die Figur des Akakij, der zunächst auf komischer Ebene als marionettenhaft reduzierte Gestalt erscheint, funktioniert ohne Willen und Bewusstsein wie ein Automat. Die Tätigkeit des Kopierens fremder Akten erfüllt ihn vollkommen, soziale Interaktion meidet er und wird selbst gemieden. Hofmann gibt das Porträt Akakijs, betitelt der Unbeachtete: en face in extremer Nahsicht wieder. Eine Rasterung von relativ regelmäßig gesetzten kurzen Tuschpunkten, überzieht einem Harnisch gleich, das eigentliche in Lavierung angelegte Gesicht Akakijs. Die Aussparungen des weißen Papiers zeigen leere Augenhöhlen sowie einen ebensolchen bewegungslosen Mund, dessen einzige Binnenzeichnung aus einer zügigen Diagonale des linken Mundwinkels zum rechten besteht. Es zeigt keinerlei Regung oder Interesse für seine Umwelt, welche ihm dieses ebenfalls verwehrt. In seinem ornamentalen Charakter wird der von Tuschpunkten überzogene Schädel zu einer Chiffre, einem einzigen Ornament gewissermaßen zur Groteske für dessen Kopiertätigkeit. Akaki selbst wird zur Karikatur einer menschlichen Leidenschaft. Die links neben ihm in den Hintergrund ragenden Gestalten gleichen ebenfalls einer Abbreviation aus Schriftzeichen: nur mit minimalem Linienaufwand in ihren Konturen angedeutet, zeigen sie deutlich karikierte Gesichtszüge, spitznäsig und amöbenhaft biegsam, spiegeln diese deren Gehässigkeit, den Spott welchen Akakij Akakijewitsch stoisch erträgt. Hofmann gelingt es in dieser Illustration sowohl die komische als auch die pathetische Darstellungsebene von Gogols Erzählstil miteinander zu verknüpfen.
Ebenso fungieren stetig wiederkehrende Motive, wie die durchbrochene Linie in mehreren seiner Blätter als kompositorisches Element und gleichzeitig als Symbol für Akakijs Umweltwahrnehmung. Der sich dieser erst bewusst wird als ihm der Atem eines Pferdes ins Gesicht bläst: „erst dann bemerkte er, dass er sich nicht inmitten einer Zeile, sondern mitten auf der Straße befand.“
Der Chronologie der Erzählung folgend seien an dieser Stelle ausgewählte Arbeiten besprochen: Während der Zeit der Entbehrung und in Erwartung seines neuen Mantels erwachen in Akakij zum ersten Mal menschliche Regungen, diese setzen ein mit der grotesken Formel: „Er ernährte sich geistig, indem er in seinen Gedanken die ewige Idee des zukünftigen Mantels trug.“ Die Absurdität der Empfindungen eines Menschen zu einem Gegenstand, welcher menschliche Bedeutungsdimension einnimmt und letztlich als Metapher für die menschliche Nichtigkeit deutbar wäre, illustriert Hofmann in seinem Blatt „B. beim Denken“. Baschmatschkins Konzentration all seiner Gedanken auf das Eine, manifestieren sich in der eingefallenen spitzwangigen Physiognomie . Dem in hohen Bögen rasch gezogenen Augenhöhlen, deren halbgeschlossene einfältige Augen unterhalb von Tränensäcken umrahmt, dem Sog der Schwerkraft folgen, über die verkniffen- gepresste Mundpartie zum kleinen Trichterkinn, eingebettet in eine ein V-bildende Schulterpartie, die jedoch in den viel zu kleinen nestelnden Händen ihren Abschluss findet.
Ebenso vermittelt Hofmann mit sicherem und effizient eingesetztem Pinselstrich ein Formenrepertoire an eigenen kalligraphischen Kürzeln um die Szene der Abfertigung Akaki Akakijewitschs durch die bedeutende Persönlichkeit des Generals zu schildern. Deren lit. Charakterisierung nicht auf eine Individualisierung abzielt sondern vielmehr allgemein für eine Parodie des herrschsüchtigen Bürokratenjargons herhält: Die Satire richtet sich gegen das System der Ranghierarchie Russlands. Nicht der einzelne Vertreter dieses Systems wird als Unmensch hingestellt, sondern die Unmenschlichkeit des Systems wird vorgeführt. Vor dem Hintergrund eines mit Bücherwand und Schreibplatz ausgestatteten Raumes sehen wir die hochaufragende Gestalt des Generals mit markanter Bauchwölbung und lediglich in wenigen Schnörkeln findet das Gesicht der bedeutenden Persönlichkeit Charakterisierung . Ihre Bedeutung generiert sich einzig und allein durch stetig wiederkehrende Monologe und Bürokratenallüren. Es ist dies der Moment kurz vor Akakijs Anhörung. Irrelevant ist dessen Anwesenheit, gegen einen leeren Stuhl richtet der General seinen Sermon, einzig und allein als Machtdemonstration vor dem Freund aus der Provinz, der sich in einen Fauteuil niedergelassen hat.
Akakij unfähig sich Zeit seines Lebens gegenüber der Gesellschaft Recht zu verschaffen, begehrt im Rahmen des phantastischen Epilogs als Geist gegen das ihm im irdischen Leben widerfahrene Unrecht auf. Als Mäntel raubendes Gespenst durchstreift er die Petersburger Straßen und gibt sich erst zufrieden als er den Mantel des Generals erlangt. Hofmann erfasst den Augenblick in welchem die bedeutende Persönlichkeit im Begriff der Abwehr gegen das Gespenst des Akakij ihren Arm hebt. Das offene Entsetzen des Generals äußert sich weniger in dessen Haltung, er sitzt vielmehr langausgestreckt und entspannt in seiner Kutsche, allein die vier raschen Linien seines angewinkelten Armes, den er über den Kopf hebt, werden zur Formel seiner Abwehr des Geistes, des Geistes, der auch sein schlechtes Gewissen sein könnte. Dieser schwebt in helleren Pinselstrichen nur schemenhaft angedeutet über dem Geschehen, allein der totenschädelartige Kopf ist in kräftigen Linien angegeben. Akakijs Geste des ausgreifenden Armes spiegelt wiederum den Abwehrgestus des Generals, jedoch mit der konträren Intention des Vorantreibens des Geschehens. Die Bewegungslinie wird aufgenommen vom Peitschenschlag des Kutschers und findet ihren Abschluss im starren festen Strich des Pferdegespanns. Ein Entkommen ist für die bedeutende Persönlichkeit in kompositorischer und literarischer Hinsicht vereitelt.
Hofmanns Zeichnungen zeugen von technischer Könnerschaft, er beherrscht die Dynamisierung und Aufteilung der Bildfläche. Im Bemühen um eine eigene Formensprache schafft der Künstler ein Repertoire an Formeln, welche gleich Arabesken und Ornamenten, verbindliche und stets wiederkehrende Variabeln in seinem Zeichensystem werden. Er entgeht der Gefahr nur eine bloße Adaption der literarischen Vorlage zu liefern, sondern unterstützt vielmehr deren Struktur der Darstellungsebene des Grotesken, jenes Changieren zwischen komischer und tragischer Ebene, und macht so den Subtext der Erzählung erfahrbar.

".... (Verfasserin: Katharina Arlt; Textauszug aus Ausstellungseröffnungsrede vom 13. Juni 2010 / Kunstausstellung Kühl)

 
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